Breaking Bad

Wann ist ein Mann ein Mann?

Wer will, kann es ignorieren: Die Serie „Breaking Bad“ setzt sich mit dem Männlichkeitsbild auseinander. Wer sich darauf nicht einlassen will, kann die Karriere von zwei sehr unterschiedlichen Männern im Drogen-Business von New Mexico beobachten.

WARNUNG! Der Text enthält Spoiler!

Ganz anders als die anderen Fernsehserien ist „Breaking Bad“ von Vince Gilligan.
Wessen Sehgewohnheiten (zum Beispiel) vom hektischen „True Blood“ konditioniert sind, wird sich am Anfang etwas schwer tun. In einem langsamen und ruhigen Erzähltempo sowie großartigen Bildern führt die Serie nach New Mexico zu einer überlebt haben Spezies: dem MANN als solchen …

… Walter White ist „Familienvater“ und gerade 50 Jahre alt geworden. Er hat ein Familienhaus. Dort hütet die Familienmutter den gemeinsamen Familiensohn, der den originellen Namen „Walter junior“ trägt.
Walter White hat eine exzellente naturwissenschaftliche Ausbildung genossen und arbeitet doch „nur“ als Chemielehrer an einer Highschool. Er übt auch noch einen Nebenjob in einer Autowaschanlage aus. Als er dort von seinen SchülerInnen gesehen wird, machen sie sich über ihn lustig. Er leidet grimmig und still in sich hinein.
Zu Hause organisiert die Ehefrau Skyler das Familienleben. Der 16jährige Walter junior hat mit seiner Krankheit Zerebralparese zu kämpfen. Er müht sich tapfer und erfolgreich, so selbständig wie möglich zu werden.

Die über zehn Jahre jüngere Skyler ist mit einem ungeplanten Kind schwanger. Walter White erfährt, dass er Krebs hat. Diese Information treibt ihn in einen Keil aus Erleichterung und Versorgungswahn.

Versorgungswahn
Er will Geld hinterlassen, er will genug Geld hinterlassen. Seiner zukünftigen Witwe und seinen zwei Halbwaisen in spe.
Ein gutes staatliches College kostet 45.000 $ im Jahr. Das ergibt für zwei Kinder, die vier Jahre dorthin gehen 360.000 $. Die Hypothek für das Haus beträgt 107.000 $, die Zinsen für das zweite Darlehen 30.000 $ (=137.000 $). Für die Lebenshaltungskosten (Essen, Kleidung, Sonstiges) setzt die Versorgungsinstitution zweitausend Dollar im Monat an. Das ergibt 240.000 $ für die nächsten zehn Jahre. Walter braucht 737.000 $.
Ach ja, die Inflation muss auch noch berücksichtigt werden.
Walter White kann nicht sterben, ohne dieses Geld hinterlassen zu können.

Sein Chemielehrerjahresgehalt beträgt etwa 43.000 Dollar.

Die Idee zur Geldbeschaffung liefert ihm sein Schwager, der bei der DEA („Drug Enforcement Administration“) arbeitet. Walter White darf einer Razzia beiwohnen. Beim Beobachten des Gemenges trifft W.W. auf einen ehemaligen Schüler. Jesse Pinkman war damals schlecht in Chemie und ist heute Drogendealer.
Walter White setzt Jesse Pinkman unter Druck. Sie werden ein Team. Walter, das Chemie-As, kocht die Droge Meth, Jesse verkauft es. Beide werden nicht skrupellos genug für das Geschäft mit den Drogen sein.

Erleichterung
Jesse Pinkman will wissen, warum sein spießiger Lehrer ins Drogengeschäft einsteigen will. Er sei aufgewacht, sagt Walt. Das Wissen um die Krankheit reißt ihn aus dem bisherigen Alltag, aus seinem Trott und seinen Ängsten. Er will endlich etwas wagen. Das Böse und Neue reizt und erschreckt ihn wohlig.

Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss. (A man´s gotta do what a man´s gotta do.)
Bildnachweis: © Sony Pictures Television Inc. All Rights Reserved.

Eine der ersten Szenen der ersten Staffel präsentiert den Protagonisten White in einer weißen gerippten Unterhose aus dem niederen Preissegment und mit einer gezogenen Waffe auf einem staubigen Weg im Outback von New Mexico.
So überstrapaziert das Bild eines „Helden“ ist, Walter White ist ganz sicher keiner.

Doch: Skyler White ist kein desperate housewife. Weil sie vom Nebeneinkommen ihres Ehemanns nichts weiß, sucht sie sich hochschwanger einen Job.
Walter junior nennt sich in adoleszenter Identitätssuche „Flynn“. Walter senior versteht nicht.
Flynn bastelt eine Webseite und sammelt mit dieser Spenden, um zu den Behandlungskosten für seinen Vater beitragen zu können. Auch das gefällt Walter senior nicht. Er will der alleinige Macher sein.
Das Laminat unter dem Thermobehälter ist vermodert? Walter, der Mann im Haus, wirft sich wild auf das neue Projekt. Skyler und Flynn sitzen beim Frühstück, Walter kämpft laut hämmernd gegen den Moder in den hauseigenen Katakomben.

Jesse Pinkman und Walter White pausieren vom Meth-Kochen.
Bildnachweis: © Sony Pictures Television Inc. All Rights Reserved.

Whites Partner ist der junge Jesse Pinkman. Er spielt den Counterpart zum verklemmten White. Pinkman hat einen guten Zugang zu sich selbst und seinen Gefühlen.

Gus Fring, der Drogenboss von New Mexico, will, dass Walter White für ihn die synthetische Droge Meth kocht. Dabei bringt er das Dilemma Whites auf den Punkt:
walter white: Bedaure, die Antwort ist trotzdem Nein. Ich habe eine ganze Reihe von schlechten Entscheidungen getroffen. Und ich darf nicht noch eine treffen.
gus fring: Warum haben Sie diese Entscheidungen getroffen?
walter white: Zum Wohl meiner Familie.
gus fring: Dann waren es keine schlechten Entscheidungen. Was tut ein Mann, Walter? Ein Mann sorgt für seine Familie.
walter white: Das hier kostet mich meine Familie.
gus fring: Wenn Sie Kinder haben, haben Sie immer Familie. Sie werden immer Ihre Priorität sein Ihrer Verantwortung. Und ein Mann? Ein Mann sorgt für sie. Und er macht das auch, wenn man es ihm nicht dankt. Oder ihn nicht respektiert. Oder ihn nicht liebt. Er beißt einfach die Zähne zusammen. Steht das durch. Weil er ein Mann ist.

Die Realität kommt ins Spiel
Doch: Walter White stirbt nicht. Die Behandlungen schlagen an. Seine Prognose sieht gut aus.
In Rage schlägt er sich an einem metallenen Handtuchbehälter in der Toilette der Krebsklinik die Handknöchel blutig. Sein Plan gerät aus der Bahn.
Er versucht, das hart erworbene Geld zu verbrennen. Als die Scheine in Flammen stehen, wirft er den dafür benutzten Grillbehälter in den Swimming Pool. Mit einem Käscher rettet er sorgfältig jeden einzelnen Schein.

„Ich bin in Remission. Ich bin gesund. Kein Ende in Sicht.“ White sinniert, wann der richtige Zeitpunkt zum Sterben gewesen wäre. Er hat ihn verpasst.

Da der Drogenboss von New Mexico Walter Whites Krebstod eingeplant hatte, wird dessen Überleben für ihn ein Problem. Die bisher gezeigten vier Staffeln werden mit einem Walter White als selbsternanntem „Gewinner“ enden.

Die fünfte Staffel ist gerade in den USA angelaufen, im deutschen „Free TV“ werden sie im Jahr 2013 gezeigt werden.

Die Serie Breaking Bad“ inszeniert den gesellschaftlich und selbst produzierten Druck eines Mannes, der für sein Lehrerdasein überqualifiziert ist, fast lautlos grollt und nach seiner Krebsdiagnose im Drogenmilieu seine überfällige Erfüllung sucht. Walter White ist ein Mann, der in seiner Haut und Rolle gefangen ist und staunend bis hilflos neben seiner Umgebung steht. Die Serie zeigt das Porträt eines tief in sich verunsicherten Mannes, der ahnt, dass sich die Welt verändert hat. Aber er versteht noch nicht alles.

Der Aktionskünstler HyP vor der Werner Heisenberg-Büste, die seit 2009 in der Münchner Ruhmeshalle steht.

„Walter White“ wählte für seine Aktivitäten in der Drogenszene das Pseudonym „Heisenberg“.
Werner Heisenberg war ein deutscher Physiker. Die Heisenbergsche Unschärferelation sagt, dass die exakte Poistion und die Geschwindigkeit eines Teilchens nicht gleichzeitig beliebig genau messbar sind.
Die Wahl des Decknamens „Heisenberg“ symbolisiert Walter Whites verblüffende Verwandlung von einem demütigen Chemielehrer zu einem gewaltfähigen Drogenbaron. Wenn White seinen schwarzen Hut und seinen Trenchcoat trägt, wird er zu „Heisenberg“. Als „Heisenberg“ kann er abscheuliche Grausamkeiten begehen, zu denen White nie in der Lage wäre. Es ist eine Art psychologischer Arbeitsteilung. So kann White den Abstand zu seinen bösen Taten wahren und von sich selbst als einem guten Menschen überzeugt sein.
White kann als eine menschliche Erscheinungsform der „Unschärferelation“ gesehen werden. Wenn er den Impuls zum mörderischen Drogenbaron in sich trägt, verliert er den Zugang zu seiner eigentlichen Position als Familienmensch mit einem strengen Moralkodex.

………
Weiterführende Links

• „Walter junior/Flynns Website für Spenden im real existing web www.savewalterwhite.com

„The Ballad of Heisenberg“, gespielt von Los Cuates De Sinaloa

Die „Unschärferelation“ erklärt ein YouTube-Video

Heisenberg-Enkel gewinnen Jury für sich. Ihr Entwurf für den Kunstwettbewerb des NS-Dokumentationszentrums München wird zur Ausführung empfohlen. Über das Votum der Jury wird der Münchner Stadtrat voraussichtlich im November 2012 entscheiden.

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