Dexter

Töte für mich!

Nicht töten zu wollen ist human und modern. Doch was tun, wenn dieses Tabu nicht mit den eigenen Moralvorstellungen und Bedürfnissen kompatibel ist? Die Fernsehserie „Dexter“ zeigt den netten Serienmörder von nebenan im sehr weißen T-Shirt.

Die Liste der absichtlich herbeigeführten Todesarten ist vielfältig: Notwehr, Totschlag, Mord, Freitod, Attentat, Selbstmordattentat, erweiterter Selbstmord, „Familiendrama“, „suicide by cops“, Massenselbstmord, Duellieren, Tötung auf Verlangen („Sterbehilfe“), Kindstötung kurz nach der Geburt („Neonatizid“), Amoklauf, „Finaler Rettungsschuss“ durch die Polizei, Hungerstreik ohne Zwangsernährung, Sterben durch Lebensverweigerung, „Ehrenmord“, Kamikaze-Fliegen, Auftragsmord, Hexenverbrennung, Hinrichtung, Kreuzigung, Kriegseinsätze.

Um die Frage, wann das Leben beginnt und wie groß die Entscheidungsfreiheit von betroffenen Frauen und Männern ist, geht es im streng überwachten Gebiet der Sexualität:
in Fragen der Verhütung, der Anwendung der „Pille danach“ und der Abtreibung. Selbst (männliche) Masturbation gilt manchen zumindest als potentieller Mord.

Die Tötung von Menschen durch Soldaten und Soldatinnen innerhalb von Kriegseinsätzen unterliegen im Staatsinteresse einer anderen Bewertung und Moral.
Im Jahr 2008 schwurbelte Verteidigungsminister Franz Josef Jung von einer „asymmetrischen Bedrohungssituation“, um das Wort „KRIEG“ für den Krieg in Afghanistan zu vermeiden.

„Soldaten sind Mörder.“
Ein oft diskutiertes Zitat aus „Der bewachte Kriegsschauplatz“
von Kurt Tucholsky

Der Feldgendarm wachte darüber, daß vorn richtig gestorben wurde. Für viele war das gar nicht nötig. Die Hammel trappelten mit der Herde mit, meist wußten sie gar keine Wege und Möglichkeiten, um nach hinten zu kommen, und was hätten sie da auch tun sollen! Sie wären ja doch geklappt worden, und dann: Untersuchungshaft, Kriegsgericht, Zuchthaus, oder, das schlimmste von allem: Strafkompanie. […] Manche Nationen jagten ihre Zwangsabonnenten auch mit den Maschinengewehren in die Maschinengewehre. So kämpften sie. Da gab es vier Jahre lang ganze Quadratmeilen Landes, auf denen war der Mord obligatorisch, während er eine halbe Stunde davon entfernt ebenso streng verboten war. Sagte ich: Mord? Natürlich Mord. Soldaten sind Mörder.
Es ist ungemein bezeichnend, daß sich neulich ein sicherlich anständig empfindender protestantischer Geistlicher gegen den Vorwurf gewehrt hat, die Soldaten Mörder genannt zu haben, denn in seinen Kreisen gilt das als Vorwurf. Und die Hetze gegen den Professor Gumbel fußt darauf, daß er einmal die Abdeckerei des Krieges „das Feld der Unehre“ genannt hat. Ich weiß nicht, ob die randalierenden Studenten in Heidelberg lesen können. Wenn ja: vielleicht bemühen sie sich einmal in eine ihrer Bibliotheken und schlagen dort jene Exhortatio Benedikts XV nach, der den Krieg „ein entehrendes Gemetzel“ genannt hat und das Mitten im Kriege! […]
Die Gendarmen aller Länder hätten und haben Deserteure niedergeschossen. Sie mordeten also, weil einer sich weigerte, weiterhin zu morden. Und sperrten den Kriegsschauplatz ab, denn Ordnung muß sein, Ruhe, Ordnung und die Zivilisation der christlichen Staaten.

Ignaz Wrobel (alias Kurt Tucholsky) in „Die Weltbühne“, 4. August 1931

„Kriegsdienstverweigerer, die nicht morden wollen, gehören an den Galgen.“
Das Foto stammt aus dem Buch „Krieg dem Kriege“ von Ernst Friedrich (1924).

Bildnachweis: Die Verwendung des Fotos erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Tommy Spree, dem Leiter des Anti-Kriegs-Museums in Berlin.

Das Voyeurieren beim Fremdtöten in Büchern und Filmen heißt „Krimi“ und wird von zeitgeistigen Aufklärungsritualen und Moralvorstellungen begleitet. Die Produktion geschieht am Fließband. Im Krimi geht es um Fragen wie „Whodunit?“ und „Howcatchem?“. Manchen geht es um eine spannende Geschichte, anderen um das Fangen der TäterInnen und deren Bestrafung.
Ist der Fernsehkommissar die Erlöserfigur oder doch nur ein Staatsbüttel? Töten die FernsehmörderInnen stellvertretend für das Fernsehpublikum?

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Töten ist ziemlich böse.
Aber: Andere zu töten, kann das eigene Leben retten.
Töten ist meistens illegal.
Töten ist faszinierend. Es geht um Macht und Ohnmacht. Es geht um Gewalt, Hilflosigkeit und Angst.
Beim Töten zusehen zu dürfen, ist auch faszinierend. Vor dem Fernseher, beim Lesen der Zeitung. Die eigenen Finger bleiben sauber, die Empörung kann groß sein. Die Verbrechen der anderen bieten für die eigenen Schwächen und Fehler griffige Projektionsflächen.

In den USA leben die Menschen mit anderen Waffengesetzen und daher in einer anderen Schießkultur. Für einen „ungerechten Mord“ dürfen im Western diverse „gerechte“ Rachetötungen begangen werden. Menschen, die sich für das Recht auf Abtreibung einsetzen, werden im Namen des Lebens erschossen. Während die männlichen Soldaten im auswärtigen Krieg wüten sollen, hoffen in den dazugehörigen Propagandaspielfilmen die schwangeren Ehefrauen zu Hause auf deren Rückkehr.

Dexter Morgan, Titelfigur der Serie „Dexter“.
Bildnachweis: ™ © 2007 Showtime Networks Inc. All rights reserved.

Doch was tun, wenn mensch nicht selbst töten will oder kann oder darf?

Ein Alias, ein Stellvertreter, etwas Artifizielles, ein Kuschelmörder muss her.
Und den gibt es! In Form von Dexter Morgan.
Dexter Morgan arbeitet als Blutspurenanalytiker in Miami bei der Polizei, bei der Fernsehpolizei.
Dexter ist ein Serienmörder in einer Fernsehserie. Er hat sehr viele Menschen getötet und im Atlantik versenkt. Sie hatten es (fast) alle verdient.
Die Blutspuren und der sich daraus ablesende Tathergang faszinieren ihn.

Das ist das einzig Gemeinsame, das die Fernsehfigur Dexter mit dem Kriminalbiologen Mark Benecke teilt.
„Woher rührt die Faszination für Serienmörder, Herr Dr. Benecke?“

Credit: Mark Benecke, http://benecke.com

Dexter tötet meistens Männer.
Bildnachweis: ™ © 2007 Showtime Networks Inc. All rights reserved.

Morgan Dexter „darf“ töten.
Als 3Jähriger erlebte er die Ermordung seiner Mutter. Sein Adoptivvater erkennt die Beschädigung des Jungen und versucht sie per Kodex zu steuern. Dexter soll nur böse Menschen töten.
Wie böse Dexter selbst dabei ist, umkreist die Serie in weiten Bögen.

Pro Staffel bekam Dexter eine ähnlich geartete, tötungsbedürftige Person zur Seite gestellt. Waren es Männer, mussten sie am Ende der jeweiligen Staffel durch Dexters Hand sterben. Die bisher einzige Frau durfte überleben und weiterziehen.

Ich kenne keinen Unterschied zwischen gerechtem Töten und ungerechtem Töten.
Arthur Miller

Dort, wo die Serie spielt, wird die Todesstrafe angewendet.
Zwischen 2006 und 2008 gab es in Florida eine Hinrichtungspause.
Nach dem Setzen der Giftspritze war im Dezember 2006 ein Todeskandidat nach qualvollen 34 Minuten immer noch nicht tot. Dem Mann musste – um endlich sterben zu können – eine zweite Spritze gegeben werden.
Wegen dieser „Panne“ setzte der damalige Gouverneur von Florida die Vollstreckung aller Todesstrafen für die kommenden Monate aus …

Per Giftspritze tötet der Staat Florida seit dem Jahr 2000.
Die Exekutionen auf dem elektrischen Stuhl wurden gestoppt, weil zwei Verurteilte während ihrer Hinrichtung Feuer gefangen hatten.
Der elektrische Stuhl hatte einst das Erhängen ersetzt, weil diese Hinrichtungsmethode als „zu grausam“ empfunden worden war.

… seit der Wiedereinführung der Todesstrafe im Jahr 2008 wurden in Florida 71 Menschen im Florida State Prison hingerichtet.
Am 1. Januar 2012 gab es landesweit 3.189 zum Tode Verurteilte (darunter 136 Ausländer und 58 Frauen). Die meisten Häftlinge warten in den Todeszellen der Bundesstaaten Kalifornien (723), Florida (402) und Texas (312) auf ihre Exekution. (Quelle: Reader „Wenn der Staat tötet – Todesstafe in den USA“, amnesty international, Stand 18. Juli 2012)

Die Inszenierung der Hinrichtung findet in einem Raum statt, der von zwei Seiten durch Glasscheiben einsehbar ist. Die jeweils Trauernden sollen sich nicht begegnen müssen.

Über weitere „Pannen“ im Hinrichtungsmilieu sagte Mark Benecke in einem Interview: „In den USA werden jedes Jahr zehn Menschen aus Todeszellen entlassen, weil sich herausstellt, dass sie es nicht waren.“

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Morgan Dexter wurde in den bisherigen vier in Deutschland gezeigten Staffeln der US-amerikanischen Fernsehserie – natürlich – nicht gefasst.
„Dexter“ ist jedoch noch nicht abgeschlossen. Weitere Staffeln sind geplant.
Fanseiten im Internet befürchten, dass Morgan Dexter um ein artgerechtes Ende nicht herumkommen wird.

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Links zu den themen

Deutscher Hersteller beschränkt Narkosemittel-Export in die USA: Henker in den USA wollen das Narkosemittel Propofol für ihre Todesspritzen nutzen – hergestellt von einer Firma aus Hessen. Spiegel Online am 12. September 2012

Hinrichtung mit der Giftspritze – Eine humane Art zu töten? AI-Journal vom Mai 1998

„Jeder Mörder ist ein sicherer Hafen, weil er eingeschlossen ist“: Frauen, die Mörder lieben. Spiegel Online am 2. September 1991

Dieser Beitrag auf Facebook am 3. November 2012

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