True Blood

Kreuz und queer durch Louisiana

Neue Männer brauchte das Land. Neue Männer hat das Land! Bon Temps in Louisiana erlebt gute Zeiten. Männliche Vampire und Formenwandler gerieren sich als sentimentale Philantropen. Ihr blendendes Aussehen und ihre enorme erotische Anziehungskraft sind keine leeren Versprechen. Die Fernsehserie „True Blood“ erfreut vor allem die Sinne, aber auch das Herz und den Kopf.

Meine erste Begegnung mit „True Blood“ hatte ich in einer Gender-Vorlesung der LMU. Dem Thema „Sexy Shape Shiftung. Von Vampiren und anderen Grenzgängern zwischen Menschen und Monstern“ widmete sich Dr. Ralph Poole am 10. Januar 2011 innerhalb der Ringvorlesung der LMU „Gendergraphien:
Perspektiven der Geschlechterforschung auf Körper – Wissen – Praxis“.

Alan Ball, der schon »American Beauty« und »Six Feet Under« kreierte, tobte sich in „True Blood“ gründlich und fröhlich aus. Das wilde Tummelsurium entstammt den „Sookie Stackhouse“-Romanen von Charlaine Harris. Elfen, Vampir*innen, Formenwandler*innen, (gute und böse) Werwölf*innen, Werpanther*innen, eine Mänade, Hexer*innen UND Menschen bevölkern Bon Temps und Umgebung.

Sookie Stackhouse, Elfe.

Bill Compton, Vampir.

Eric Northman, Vampir.

Jason Stackhouse, Mensch.

Tara Thornton, Mensch.

Lafayette Reynolds, Mensch.

Sam Merlotte, Shapeshifter.

Andy Bellefleur, Sheriff.

Jessica Hamby, Vampirin.

Hoyt Fortenberry, Mensch.

Arlene Bellefleur, Mensch.

Terry Bellefleur, Mensch.

Pam De Beaufort, Vampirin.
.

Nan Flanagan, Vampirin/
Aktivistin.

Alcide Herveaux, lieber Werwolf.

Crystal Norris, ambivalente Werpantherin.

Alle 16 Fotos: © 2012 Home Box Office, Inc. All rights reserved. HBO® and all related programs are the property of Home Box Office, Inc.

Da japanische Wissenschaftler*innen künstliches Blut erfunden haben, ist es den Vampir*innen möglich unter Menschen zu weilen, ohne sie beißen zu MÜSSEN. Die »American Vampire League« müht sich um Toleranz bei den Menschen und setzt sich für die Rechte der Vampir*innen ein.
Integrationswillige und traditionsbewusste Vampir*innen stehen sich im harschen Alltag gegenüber.

Jede Epoche hätte die Vampire, die es verdiene, meinte die US-amerikanische Literaturwissenschaftlerin Nina Auerbach 1995 in ihrer Studie „Our Vampires, Ourselves“. Ralph Poole fragte 15 Jahre später, welche Vampir*innen unsere post-feministische, neoliberale Zeit verdiene.
Die Schriftstellerin Charlaine Harris und der Filmemacher Alan Ball geben eine rasante und heiter bis pop-aggressive Antwort.

Der historische Hintergrund

Das düstere Kapitel der Sklaverei bestimmte die Geschichte der afroamerikanischen Bevölkerung Louisianas von der französischen Kolonialzeit bis zum Amerikanischen Bürgerkrieg (1860–1865), den der Staat Louisiana auf der Seite der besiegten Konföderierten Staaten von Amerika erlebte. Auch nach dem Bürgerkrieg blieb den Afroamerikaner*innen das Wahlrecht vorenthalten. Den Kampf um die zivilen Rechte der Afroamerikaner*innen führten die Bürgerrechtler*innen siegreich, besonders in den 1950er bis 60er Jahren.
Wo damals dunkelhäutige Menschen Lebewesen schlechterer Klasse waren, werden heute in der Serie „True Blood“ Vampir*innen als unerwünschte Art gejagt und gelyncht.
„True Blood“ ist auch eine Allegorie auf die Sklaverei der Südstaaten und die Bürgerrechtsbewegung.

Im Intro von „True Blood“ ist die Ankündigungstafel eines Kinos zu sehen. „God hates fangs“ ist dort zu lesen.
„Fag“ steht für „Schwuchtel“.
„God Hates Fags“ heißt die Webseite der extrem homophoben Westboro Baptist Church.
„Fang“ bedeutet „Reißzahn“.
„Fangbanger“ sind Menschen, die Sex mit Vampir*innen haben und wahnsinnig gern gebissen werden
Eine zweite Definition für „Fangbanger“ bietet das urbandictionary: „Any kind of vampire (TWIGHLIGHT) lover, that watches all the movies and reads all the books. That Fang Banger stood in line for three days at Comic Con just to meet the cast of Twighlight.“

Viele Bücher widmen sich der Faszination für Vampir*innen
»Der Vampir sind wir: Der unsterbliche Mythos von Dracula biss Twilight« von Rainer M. Köppl. Weitere Titel lauten »Vampire: Von damals bis(s) heute« von Nicolaus Equiamicus, »Vampirismus oder die Sehnsucht nach Unsterblichkeit« von Norbert Borrmann, »Vampire: Mythische Wesen der Nacht« von Joachim Nagel, »Vampire unter uns!« von Mark Benecke et al. Der irische Schriftsteller Bram Stoker schuf im Jahr 1897 mit seinem Werk »Dracula« den Ur-Vampirroman.

Vampir-Filme

Im B- bis XYZ-Movie-, Splatter- und Trash-Bereich gibt es Machwerke mit vielversprechenden Plakaten. Doch die dazugehörigen Filme erfüllen nicht immer die cineastischen Erwartungen und sind eher interessant als wirklich gut.

Zu den A-Filmen können zählen: »Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens« von Friedrich Wilhelm Murnau (1922), Roman Polanskis »Tanz der Vampire« (1967), »Buffy, the Vampire Slayer« (1992), »Interview mit einem Vampir« von Neil Jordan mit den bestaussehendsten Vampir-Darstellern der damaligen Saison (1994), das Roadmovie/Vampirmärchen »From Dusk Till Dawn« von Robert Rodriguez und Quentin Tarantino (1996), »Shadow of the Vampire« von E. Elias Merhige (eine Hommage an Murnaus »Nosferatu« aus dem Jahr 2000), die »Twilight«-Filme (seit 2008).

Das Genre al dente unterliegt den üblichen Markt-Schwankungen: Vampir*innen dürfen sich je nach Marke der Sonnenbrille im Tageslicht bewegen oder auch nicht. Mal sind sie im Spiegel zu sehen, mal nicht. Sie pflegen eine dekadente Erotik oder sind enthaltsam bis zur Mensch-Vampir*in-Ehe. Sie ernähren sich durchaus auch mal vegetarisch. Oder sie beißen in jedes blühende Fleisch, das vorbeischwebt. Weitere Parameter betreffen Silber, Knoblauch und Holzkreuze in handlicher Größe und mit sehr spitzem Ende.

Die Vampir*innen hangeln herum zwischen Gut und Böse, zwischen Mensch und Ungeheuer, zwischen Leben und Tod, zwischen Raum und Zeit.
Wie queer (verrückt, andersartig) dürfen die neuen Formenwandler*innen sein? »True Blood« findet in einem galoppierenden Tempo Bilder und inspirierende Antworten.

Und da die Untoten nicht sterben können, leben sie natürlich immer noch.

………
Links

Ringvorlesung an der LMU München im WS 2012/13: Gendergraphien IV – Perspektiven der Geschlechterforschung auf Körper-Wissen-Praxis

„Coming-out der Vampire“ auf Spiegel Online am 13. Mai 2010

„Nazi-Werwölfe! Schwuler Vampir-Sex!“ auf Spiegel Online am 4. August 2011

„Eine Seifenoper mit Sex und Gewalt“ auf Spiegel Online am 12. Juli 2012

Ein Gedanke zu „True Blood

  1. Pingback: Mag Gott homosexuelle Menschen? | Fremde Welten

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